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Thorsten Brehm | Mein Blog aus dem Nürnberger Rathaus

Zehn Thesen zur Zukunft der Kultur- und Kreativwirtschaft

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Mit großem Interesse und manchmal auch etwas Neid blicke ich nach NRW. Das Cluster Kultur- und Kreativwirtschaft macht dort – zumindest für einen Außenstehenden – gute und interessante Arbeit.

Im Rahmen von CREATIVE.NRW haben die beiden Kreativwirtschaftsexperten Holm Friebe und Bastian Lange für die Studie “Innovationsökologien” untersucht, welche Rolle die Kultur- und Kreativwirtschaft für Innovationen in anderen Branchen spielt. “Mit dem Konzept der “Innovationsökologien” geben sie Akteuren aus Stadtplanung, Wirtschafts- und Kulturförderung ein Modell zur Förderung transdisziplinärer Innovationsprozesse an die Hand.”

Ihre in diesem Kontext veröffentlichten Thesen zur Zukunft der Kultur- und Kreativwirtschaft finde ich sehr interessant und eine wunderbare Grundlage für weitere Diskussionen:

1. Innovationen sind Innovationen in der Realwirtschaft
Das Platzen der Finanzblase hat gezeigt: Werthaltige Innovationen finden in der Realwirtschaft statt. Damit sind nicht zwangsläufig physische Produkte gemeint, aber solche, die das Leben der Menschen verbessern. Die Kultur- und Kreativwirtschaft trägt mit ihrer physischen, symbolischen und ideellen Produktion dazu bei, dass solche Innovationen entstehen und am Markt erfolgreich sind.

2. Kultur- und kreativwirtschaft bleibt kleinteilig
Die Basis der kulturellen Wertschöpfung bleibt im Wesentlichen kleinteilig organisiert. Der Kapitalbedarf immaterieller wie physischer Produktion wird durch neue digitale und hybride Technologien weiter sinken. Gleichzeitig schwinden die Skalen- und Effizienzvorteile größerer Einheiten. Solo-Selbstständigkeit und Mikrobusinesses werden weiter zunehmen. Damit ist die Kultur- und Kreativwirtschaft Vorreiter einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

3. Kultur- und Kreativwirtschaft wächst weiter
Der Anteil, den die kulturelle und symbolische Produktion an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung hat, wird weiter zunehmen. Wo materielle Bedürfnisse abgedeckt sind und zunehmend kostengünstig bedient werden, werden volkswirtschaftliche Ressourcen freigesetzt für Symbol- und Sinnkonsum, individuelle Veredelung, Erfahrungen und Selbstverwirklichung. Allerdings verschmilzt dieser Markt an den Rändern immer mehr mit den Sektoren Bildung, Gesundheit, Tourismus und Coaching.

4. Kultur- und Kreativwirtschaft wird zum Innovationstreiber
Innovationen findet zukünftig weniger in Innovations- Pipelines und stärker auf Open-Innovation-Marktplätzen statt. In diesen transdisziplinären Multi-Stakeholder- Prozessen kommt kreativen Schnittstellenakteuren eine Schlüsselrolle als Change Agents zu. Die Kultur- und Kreativwirtschaft löst sich aus dem Korsett der Branchen heraus und katalysiert gesellschaftliche Innovationsprozesse, die anders nicht zustande kämen.

5. Daten werden zum kreativen Rohstoff
Erfolgreiche Geschäftsmodelle in der Kultur- und Kreativwirtschaft werden stärker datenbasiert sein. Das heißt, sie greifen auf öffentliches und privates Datenmaterial zu und prozessieren Echtzeit-Informationen. Durch lizenzfreie Zugriffsmöglichkeiten kann der Staat Innovationen in diesem Bereich initiieren und die Identifikation und Partizipation zwischen Bürgern und Gemeinwesen fördern.

6. Kreativität braucht reale Orte
Die wichtigsten Hubs und Zentren der Kultur- und Kreativwirtschaft sind offene Knotenpunkte vielschichtiger sozialer und virtueller Netzwerke. Als soziale Orte entfalten sie ihr volles Potential als Inkubatoren neuer Ideen und Formate, wenn sie durchlässig sind, durch die Akteure selbst weiterentwickelt werden können und in ihrer Programmierung wandlungsbereit sind.

7. Kreativität braucht kritische Masse
Monothematische Cluster sind nicht das Modell, nach dem sich Kultur- und Kreativwirtschaft künftig entwickelt. Für ein prosperierendes Innovationsumfeld braucht es Heterogenität und eine kritische kreative Masse vor Ort. Funktionierende regionale Kreisläufe und ineinander greifende Wertschöpfungsketten bilden die Basis robuster regionaler Entwicklung.

8. Die Kultur- und kreativwirtschaft bildet Hidden Champions aus
Lokale Verwurzelung ist Voraussetzung für flexible Spezialisierung. Nicht nur das verarbeitende Gewerbe und der Mittelstand, auch die Kultur- und Kreativwirtschaft bringt Weltmarktführer in sehr spitzen Nischen hervor, die einen verstreuten weltweiten Markt bedienen. Diese Hidden Champions haben eine wichtige Funktion nach innen als Leuchttürme für lokale Szenen und nach außen als Botschafter des Standortes.

9. Coopetition wird zum Modus operandi
Obwohl die Player der Kultur- und Kreativwirtschaft im Wettbewerb stehen und untereinander um Ressourcen, Aufträge, Humankapital und Aufmerksamkeit konkurrieren, führen kollaborative Praktiken, die gemeinsame Teilhabe an temporären Projekten und offenen Innovationsprozessen zu einer Stärkung der Kooperation. Dieser Modus kooperativer Konkurrenz greift nicht nur innerhalb einzelner Cluster, sondern auch zwischen Standorten.

10. Kreativwirtschaft produziert translokale Raumordnungen
Die multiplen kooperativen Geschäftsbeziehungen und Pendlerbewegungen der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Wegbereiter für eine neue translokale Raumordnung. Daraus ergeben sich neue Allianzen und Kooperationen zwischen kreativen Metropolen, sowie städtischen und ländlichen Regionen. Achsen und Allianzen schnüren Städte im Sinne einer „kreativen Hanse“ zu neuen Handels- und Transfernetzen zusammen.

Quelle: Holm, Friebe und Bastian Lange. 2010. Innovationsökologien. Vier Szenarios für die Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW 2020.

Autor: Thorsten

führt seit 2020 die SPD-Stadtratsfraktion Nürnberg.

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