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Thorsten Brehm | Mein Blog aus dem Nürnberger Rathaus

9 Standpunkte zur Debatte um das Regenbogen-Präludium und dem Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände

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Zusammen mit Michael Ziegler, dem kulturpolitischen Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion Nürnberg, habe ich neun Standpunkte zur Debatte um das Regenbogen-Präludium und dem Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände formuliert:

1. Das „Regenbogen-Präludium“ eines anonymen Künstlerkollektivs auf der Zeppelintribüne war stark in Bild und Botschaft und schaffte es, viel an emotionaler Begeisterung auszulösen. Es setzte einen sichtbaren und bunten Kontrast zu der totalitären Architektur und der damit einhergehenden rassistischen Ideologie der NS-Volksgemeinschaft. Der Regenbogen ist nicht nur ein Symbol für die LGBTI+ Community sondern für eine liberale Gesellschaft und die Vielfalt an Lebensformen. In der veröffentlichten Meinung ist das „Regenbogen-Präludium“ über Tage hinweg, auch bundesweit, positiv gewürdigt worden.

2. Die künstlerische Intervention baut auf den gesellschaftlichen Freiräumen für die Nutzung und Auseinandersetzung mit dem Gelände auf, die die Kontrapunkte und Interventionen früherer Jahre und Generationen ermöglichten. Das begann spätestens 1978 mit dem Konzert von Bob Dylan, einem Weltmusiker mit jüdischen Wurzeln, der in Nürnberg vor 80.000 Menschen spielte. All diese Aktivitäten wirkten der Mystifizierung des Areals entgegen und entzauberten die größenwahnsinnige Architektur, die 1.000 Jahre halten sollte.

3. Das über Nacht installierte Präludium und die mit zeitlichem Hochdruck durchgeführte Entfernung ebendieses haben eine facettenreiche Debatte angestoßen. Dieser „Aufreger“ tut gut und liefert einen – in positiver Hinsicht – streitbaren und spannenden Debattenbeitrag einer neuen (künstlerischen) Generation.

4. In der öffentlichen Diskussion kam schnell die Frage auf, ob es sich bei der Anbringung der Farbe um Sachbeschädigung an einem Denkmalobjekt handelt. Ja, natürlich beschädigt die Farbe eine materielle Sache, den Stein. Aber sie beschädigt eben nicht die ideelle Sache, unsere Leitlinien und Vorstellungen vom Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände sowie den Werten der Stadt des Friedens und der Menschenrechte. Ganz im Gegenteil: Die Aktion baut darauf auf. Das muss bei der Anzeige der Sachbeschädigung bzw. deren wünschenswerten Rücknahme Berücksichtigung finden.

5. Die 2004 vom Stadtrat einstimmig verabschiedeten „Leitlinien/Leitgedanken zum künftigen Umgang der Stadt Nürnberg mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände“ haben im Großen und Ganzen an Aktualität nichts verloren und setzen einen geeigneten Rahmen für den Umgang mit Gelände. Punktuell müssen sie weiterentwickelt werden. Das zeigt auch die Reaktionen der Stadtspitze auf das „Regenbogen-Präludium“.

6. Aufbauend auf den Leitlinien braucht es ein Umsetzungskonzept, das diese auch mit Leben füllt. Insbesondere für die „angestrebten künstlerischen Auseinandersetzungen“ gab es ehrlicherweise bisher kein Konzept (und keine finanziellen Mittel). Hier blieb die Stadt unter ihren Möglichkeiten und hätte losgelöst vom Bewerbungsprozess für die Kulturhauptstadt 2025 schon eher mehr tun können. Zuletzt kam immer wieder Kritik auf, dass die Stadt hier Ideen eher ausbremst. Ergänzend zur musealen und pädagogischen Arbeit braucht es deshalb endlich ein kuratiertes Programm für temporäre künstlerische Aktionen und Nutzungen. Damit bekommt auch die gesellschaftliche Debatte, welche Form von Kunst dort ermöglicht werden soll und wer dies wie legitimiert, einen Rahmen.

7. Das Doku-Zentrum mit dem Studienforum ist der bisherige Nukleus für die Auseinandersetzung mit dem Reichsparteitagsgelände und der NS-Zeit. Wir wollen diesen Nukleus weiterentwickeln und nicht nur das Museum als Lernort erweitern und stärken. Integraler Bestandteil dieses Lernorts ist die Zeppelintribüne, für deren Erhalt, Trittfestmachung und historisch-politische Bildung vor Ort wir uns weiterhin stark machen. Dies soll auch für die nachfolgenden Generationen ermöglichen, eine eigene Form des Umgangs zu finden und mit eigenen Antworten auf die NS-Hinterlassenschaft zu reagieren.

8. Wir halten auch ohne Kulturhauptstadt-Titel an der Idee fest, die Kongresshalle zu einem Ort für Kunst und Kultur zu machen. Für das Gebäude verbunden mit dem Innenhof braucht es ein Gesamtkonzept, das auch ein solides Finanzierungsmodell beinhaltet. Dazu sollte ein internationaler Ideenwettbewerb ausgelobt werden, der Anregungen für die zukünftige Nutzung und Ausgestaltung der Kongresshalle gibt.

9. Ein Präludium ist ein Werk mit eröffnendem oder hinführendem Charakter. Wir hoffen, dass dies nicht nur das Präludium für einen Regenbogen war, sondern eines für eine neue Etappe in der Auseinandersetzung mit dem Gelände und der interventionistischen Kunst im öffentlichen Raum der gesamten Stadt.

Bild: Peter Kunz

Autor: Thorsten

führt seit 2020 die SPD-Stadtratsfraktion Nürnberg.

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